Praxis der Baumbeurteilung
Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung
- Teil 12: Ziele und Verwirklichung einer fachgerechten Baumpflege und Gehölzwertermittlung
von Marko Wäldchen und Helge Breloer
In dieser zwölfteiligen Serie wurden bisher einige der häufigsten Baumschäden und Baumprobleme vorgestellt und sowohl aus biologischer und biomechanischer Sicht wie auch unter Kosten- und Schadenersatzaspekten diskutiert. Der zwölfte Teil fasst die Ziele einer fachgerechten Baumpflege und Gehölzwertermittlung zusammen und zeigt wie sie zu verwirklichen sind. Es geht um einen verantwortungsvollen und fachgerechten Umgang mit den Bäumen in der Praxis und die richtige Beurteilung von Baumschäden.
Nicht fachgerechter Schnitt
zerstört die Schönheit des Baumes, zerstört das Abwehrsystem des Baumes, zerstört die Würde des Baumes, bringt dem Baumeigentümer keine Vorteile, mindert den Wert des Grundstücks, legt den Grundstein für mangelnde Verkehrssicherheit.
Fachgerechter Schnitt
nimmt Rücksicht auf die Schönheit des Baumes, nimmt Rücksicht auf das Abwehrsystem des Baumes, nimmt Rücksicht auf die Würde des Baumes, dient dem Erhalt des Baumes und des Grundstückswertes, dient der langfristigen Gewährleistung der Verkehrssicherheit [1, 2, 3].
Zitate zur Baumpflege
Shigo: "Unsere Verantwortung als Baumfachleute ist groß. Endlich ist der Baum aus dem Bereich der rationellen Nutzung herausgetreten. Er ist heute ein lebenswichtiger Umweltfaktor, dem wir eine entsprechende Pflege und einen angemessenen Schutz zugestehen sollten. Nach Jahrhunderten falscher Behandlung wird es Zeit, bessere Konzepte zu entwickeln [1]."
Gewerbliche Kleinanzeige:
"Wir sind Spezialisten im Kappen, Asten und Fällen von Bäumen."
Shigo: "Das große Problem in der Geschichte des Baumschnittes war (und ist, Anm. d. V.) die Tatsache, dass man hierbei der Gesundheit der Bäume wenig Beachtung schenkte, im Gegensatz zur großen Aufmerksamkeit gegenüber den Wünschen der Menschen [2]."
Ziele einer fachgerechten Baumpflege
Handlungen/Maßnahmen an einem Objekt oder Lebewesen, die absehbar den Zustand verschlechtern, hier beispielsweise Kappung, Wurzelreduktionen, "Ausgleichsschnitte", Düngung ohne Notwendigkeit, sind das Gegenteil von fachgerechter Pflege [3-6].
- Baumpflege zielt stets ab auf das Wohl und einen möglichst langen Erhalt des Baumes, unter Berücksichtigung der standörtlichen Erfordernisse und der Verkehrssicherungspflicht. Die Eingriffe haben stets unter dem Motto zu stehen: Gerade so viel wie nötig und immer so wenig wie möglich - orientiert an biologischen Erfordernissen, in der Natur festzustellenden Abläufen und wissenschaftlichen Erkenntnissen [3-9].
- Fachgerechte Baumpflege steigert oder pflegt den Wert des Baumes und somit den des Grundstückes.
Voraussetzungen für die Verwirklichung einer fachgerechten Baumpflege
Baumpflege kann nur dann fachgerecht sein, wenn sie sich primär und kompromisslos an der Biologie der Bäume und in der Natur zu beobachtenden Abläufen/Strategien orientiert, diese in ihre Praxis überträgt, beispielsweise in Form der naturnahen Schnittführung [2, 3, 4], der Kronenverjüngung [8], dem korrekten Umgang mit Reïterationen [10] und vieles andere mehr. Insofern hat die Maßgabe eines Auftraggebers (Ein Begriff der in der ZTV-Baumpflege bedauerlicherweise sehr häufig vorkommt.) dort ihre Begrenzung. Der Auftraggeber ist in den meisten Fällen Laie oder Halblaie. Er hat einen Anspruch darauf fachlich aufgeklärt und geführt zu werden. Hierzu bedarf es der entsprechenden Kompetenz der Person, die Baumpflege als Dienstleistung anbietet.
Die Verwirklichung einer fachgerechten Baumpflege ist nur möglich auf der Basis einer qualifizierten Baumbeurteilung.
Qualifiziert kann eine Baumbeurteilung nur sein, wenn sie den Ansprüchen der Ganzheitlichkeit entspricht, wie sie in den elf bisher erschienenen Beiträgen dieser Serie dargelegt wurden. Ganzheitlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang die Berücksichtigung und korrekte Gesamtdeutung aller am Baum ablesbaren Parameter, und zwar sowohl der biologischen (Habitus, Rindenbild, Trieblängen, Verzweigungsmuster, Reïteration - Vitalität [12]) wie auch der biomechanischen Parameter (Dickenzuwächse, Gestaltanomalien, Risse, eingeschlossene Rinde, Gabelungsformen, Wundholzbildung) Kenntnisse über den Baum als Kette lastgerechter Glieder, das Axiom konstanter Spannung, die innere und äußere Gestaltoptimierung und die Sicherheitsreserven sind zwingende Voraussetzung mit dem Erkenntnishintergrund, dass der Baum zwar ein individuelles biologisches System ist, das jedoch nicht isoliert betrachtet werden darf.
Der Baum ist Teil des ökologischen Ganzen. Er benötigt Lebensraum und ist gleichzeitig selbst Lebensraum für zahlreiche tierische und pflanzliche Lebewesen. Manche dieser ober- und unterirdischen Besiedler nützen dem Baum, manche können ihm sehr schaden und/oder seine Verkehrssicherheit beeinträchtigen [11], wenn ihr biologisches Potential eine kritische Dimension übersteigt.
Die ganzheitliche Baumbetrachtung berücksichtigt deswegen nicht nur die Biologie des Baumes, sondern auch die Lebensweise und Biologie seiner Besiedler, um beispielsweise die Notwendigkeit einer weitergehenden Untersuchung erkennen oder den Habitatwert eines Baumes einordnen zu können. Komplettiert wird die ganzheitliche Baumbeurteilung durch eine sorgfältige Überprüfung des Standraumes und des gesamten Umfeldes hinsichtlich grundsätzlicher Lebensbedingungen und Veränderungen in jüngerer Vergangenheit.
Kriterien für die Verwirklichung einer fachgerechten Baumpflege
- Auswahl der für den jeweiligen Standort am besten geeigneten Baumart
Bodenart? -Wasserangebot? -Lichtangebot? -Raumangebot für die weitere, freie unter- und oberirdische Entwicklung des Baumes? -Welcher Wurzeltyp ist nicht geeignet? -Welche Funktion soll der Baum erfüllen? -Welche Ausmaße darf er später nicht überschreiten?
- Richtige Pflanzung
Keine Bäume Pflanzen, die Mängel aufweisen, wie beispielsweise stammparallele Schnitte, problematische Gabelungsformen, Rindenschäden, umwickelte Stämme. -Seitenwände des Pflanzloches lockern. - Ballierung zumindest öffnen. -Nicht zu tief pflanzen. -Einschlämmen. -Eventuell Gießrand schaffen. -Anbindung nicht zu dynamisch, aber auch keineswegs zu straff -Auf den "ausgleichenden" Pflanzungsschnitt verzichten, da biologisch mehr als fragwürdig [2].
- Richtige Anwachspflege
Mindestens drei, wünschenswert sind fünf Jahre. -Ausreichende Wässerung bei Bedarf, denn Ballen trocknen rasch
aus, trotz Regen. -Baumscheibenpflege. Zur Baumscheibenabdeckung kein frisches Häckselgut verwenden. -Bäumchen vor Mähschäden schützen. -Kontrolle der Anbindung.
- Aufbau- und Erziehungspflege
Festlegen, welches Lichtraumprofil erforderlich und welche Kronenform [2] anzustreben ist. - Nach der Anwachsphase damit beginnen, die Krone zukunftsorientiert aufzubauen und zu erziehen, bei strenger Respektierung des gegebenen Verzweigungsmusters. -Konsequent und zielgerichtet vorgehen, jedoch nicht zu viel auf einmal entnehmen. -Zwischen den einzelnen Schnitteinsätzen sind Pausen von drei Vegetationsperioden einzuhalten. -Es ist auf "Astring" zu schneiden. -Ausschließlich mit Handsäge und Schere arbeiten. -Bei der Einkürzung bzw. Entnahme von codominanten Achsen (Hier gibt es keinen Astring und keine Astschutzzone) darf die Astrindenleiste nicht verletzt werden und ist der korrekte Schnittwinkel einzuhalten.
-Es darf nicht im internodialen Bereich geschnitten werden, sondern ausschließlich an Verzweigungsknoten und zwar an solchen, wo sich geeignete Zugäste befinden (1:3).
-Standraumpflege. -Baumschutz.
- Begleitungs- und Erhaltungspflege
Schutz des Baumes. -Standraumpflege. -Beseitigung von absterbenden und/oder abgestorbenen Ästen. -Aufhebung von Scheuersituationen. -Erhalt des erforderlichen Lichtraumprofils. -Leichte Korrekturschnitte zur Beibehaltung der gewünschten Kronenform. -Einkürzung von Kronenteilen, die ungünstig aus dem Gefüge herauswachsen und/oder bruchgefährdet sind, wobei auf geeigneten Zugast zu schneiden ist, niemals zwischen Verzweigungsknoten. -Auf korrekte Schnittführung achten. -Bevorzugt Handsägen verwenden. -Die richtige Schnittzeit wählen.
Schnitte, die nicht stärker als 10 Zentimeter sind, können im Prinzip das ganze Jahr ausgeführt werden, nicht jedoch in den Wochen der Blattentfaltung und des Blattfalls.
"Blutende" Arten (Ahorn, Birke, Hainbuche, Walnuss usw.) im belaubten Zustand schneiden, wenn Frostgefahr besteht oder der Saftaustritt als störend empfunden wird. - Reïterationen richtig deuten. - Abgesehen von Ausnahmefällen hat der Schnittumfang mit zunehmenden Alter geringer zu werden [1,2]. - Bei gegebener Schnittverträglichkeit ist der Rückschnitt dem Einbau einer Kronensicherung vorzuziehen. - In einer Kombination aus Hubarbeitsbühne und seilgestützter Klettertechnik arbeiten. - Bei Gefahr von Rinden- und Kambialschäden nicht klettern.
Der Kollege Philipp Funck regt an, zukünftig zu differenzieren zwischen nach der ZTV-Baumpflege vorgeschriebener und habitusgerechter Kronenpflege - eine Position, die von den Autoren geteilt wird.
Die naturnahe, habitusgerechte Kronenpflege nimmt die Verzweigungsentscheidungen des Baumes an, respektiert die Würde und Bedürfnisse des Baumes, beschränkt sich hauptsächlich auf die Entnahme von Totholz, geringfügige Schnittmaßnahmen und die Erhaltung der Bruchsicherheit.
Nach der ZTV vorgeschriebene Baumpflege orientiert sich wesentlich stärker an der Zügelung des Baumes im Sinne der Wünsche des Auftraggebers und konstatierter standörtlich zulässiger Entwicklungsgrenzen. Die ZTV-Baumpflege kann insofern aus Sicht des Baumes keine optimale Pflege widerspiegeln. Sie hat auf viele baumpflegerische Fragen keine Antwort, für viele baumpflegerische Probleme keine aus der Biologie heraus adäquate Lösung. Ein großes Problem der bisherigen ZTV-Baumpflege ist, dass sie fachliche Entscheidungen letztlich dem oft laienhaften Auftraggeber überträgt und nicht in der Kompetenz des Baumpflegers lässt. Dies geschieht immer dann, wenn die Formulierung - "nach Maßgabe des Auf-traggebers" - verwendet wird. Ein Laie darf jedoch bei fachlichen Fragen nicht maßgebend sein. Vergleich: Ein Kfz-Meister lässt sich nicht vom Kunden vorschreiben, wie die Bremsanlage zu reparieren ist, auch dann nicht, wenn der Kunde schriftlich die Verantwortung übernehme.
- Pflege von Alt- und Uraltbäumen [1,2,8-13]
Höchster Anspruch an baumpflegerisches Fachwissen und Praxiserfahrung. - Wissen um besondere ökologische Bedeutung. - Wissen um die biologischen und biomechanischen Strategien der Alt- und Uraltbäume. - Wissen um spezifische Pilz-Wirt-Kombinationen. - Wissen um die altersbedingten Einbußen im Kompartimentierungsvermögen - Schutz des Baumes. - Standraumpflege. - Totholzentfernung, wenn die Verkehrssicherungspflicht es erfordert. - Nach Möglichkeit keine Schnittmaßnahmen an lebenden Kronenteilen.
Erhöht bruchgefährdete Kronenteile eher sichern anstatt zurückzuschneiden, sofern vertretbar. - Muss geschnitten werden, weil die Verkehrssicherheit anders nicht wiederherstellbar oder weil der Baum begonnen hat, eine Sekundärkrone zu bilden bei gleichzeitiger Aufgabe von ursprünglichen Kronenteilen, dann zur richtigen Zeit und mit handwerklicher Präzision. - Gegebenenfalls sichern/fixieren von Rissen. Der Einbau von Gewindestangen kann hier angezeigt sein, auch von der Warte des Baumschutzes aus.
- Sondermaßnahmen
Es gibt Ereignisse und Situationen, die es erforderlich machen, stärker in den Baumkörper einzugreifen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten und den Baum zumindest in reduzierter Form zu erhalten. Hierbei handelt es sich immer um Ausnahme-/Individualfälle. Art und Umfang der Maßnahmen sollten unbedingt sachverständig festgelegt werden.
Hilfen für die Verwirklichung einer fachgerechten Baumpflege
Die Regelwerke ZTV-Baumpflege (unter Berücksichtigung der genannten Einschränkungen), RAS-LP 4 und DIN 18920 bieten Hilfen für eine fachgerechte Baumpflege, sie ersetzen aber nicht Fachwissen und langjährige Praxiserfahrung. Weitere Hilfen sind die Teilnahme an Fachtagungen wie beispielsweise den "Osnabrücker Baumpflegetagen" und der Austausch untereinander sowie das Lesen von Fachliteratur [1-24]. Hier werden ganz besonders die Bücher von Shigo empfohlen.
Hindernisse für die Verwirklichung einer fachgerechten Baumpflege
Als Hindernisse für die Verwirklichung stellen sich Tagungen und Veranstaltungen heraus, die in erster Linie den wirtschaftlichen Interessen Einzelner dienen. Und auch im Bereich der Baumpflege kämpfen wir mit Ignoranz, dem "Nicht-Lernen-Wollen" und der kritiklosen Übernahme von nachweislich falschen Inhalten, Praktiken und Methoden. Statt aggressivem und rücksichtslosem Profilierungsgebahren ist die fachliche Diskussion gefragt.
Bei den 17. Osnabrücker Baumpflegetagen 1999 beendete Prof. Alex L. Shigo seinen Vortrag mit den Worten "touch trees!" -ja, berühren Sie Bäume, erfahren Sie Bäume, begreifen Sie die Bäume.
Ziele und Verwirklichung fachgerechter Baumwert- und Baumschadensberechnung
Die Gehölzwertermittlung, also die Baumwert- und Baumschadensberechnung nach der Methode Koch, muss sich stets an den Kriterien einer fachgerechten Baumpflegepraxis orientieren. Das bedeutet, dass alle vorangehend genannten Erkenntnisse unmittelbar in die Baumwert- und Baumschadensberechnung einfließen müssen.
Zur fachgerechten Baumwertermittlung
Die Wertermittlung geht zunächst von der Herstellung eines einwandfrei gewachsenen Baumes aus. Der Herstellungswert der auch als Richtwert in den verschiedenen Gehölzwerttabellen zu finden ist -muss anschließend durch Abzüge korrigiert werden, sei es wegen Alterswertminderung und/oder weiterer vorhandener Mängel und Schäden. Bei der Bestimmung der Wertminderungen werden häufig Fehler gemacht, und zwar einerseits, soweit es die fachliche Beurteilung des Wachstums- und Pflegezustandes des Baumes betrifft und andererseits in der Beurteilung der Mängel im Hinblick auf die Funktion des Baumes an seinem Standort.
Jeder Baum ist ein Individuum, und Bäume gleicher Art entwickeln sich selbst an vergleichbaren Standorten unterschiedlich. Wieweit Entwicklung und Pflege einen wertmindernden Einfluss ausüben können, hängt in erster Linie davon ab, welche Funktion der Baum an seinem Standort hat [14]. Aber nach der Beantwortung dieser für die Wertermittlung im Vordergrund stehenden Frage muss der Baum in seinen biologischen Abläufen richtig erkannt werden. Hier werden gerade unfachgerechte Schnittmaßnahmen oft falsch eingeschätzt und ungenügend hinsichtlich des eingetretenen Wertverlustes berücksichtigt. Kappungen an Bäumen beispielsweise führen häufig zu einem wirtschaftlichen Totalschaden [3]. Die durch die Kappung und andere nicht fachgerechte Baumpflegemaßnahmen in der Folgezeit entstehenden Kosten werden in der Regel unterschätzt.
Zur fachgerechten Baumschadensberechnung
Die heutigen Erkenntnisse über den Baum führen auch zu einer anderen Baumschadensberechnung. Hier hat sich gezeigt, dass die bisherige Einteilung in vorübergehende und bleibende Teilschäden in vielen Fallgestaltungen nicht zutrifft. Von einem nach dem Eintritt der Beschädigung erforderlichen Kronenausgleichsschnitt für den auch eine Definition fehlt, hängt die Entscheidung über das Vorliegen eines vorübergehenden oder bleibenden Baumschadens nicht ab. Die Vordrucke des SVK-Verlages zur Berechnung von Teilschäden an Bäumen (C- Einteilung, D - vorübergehender Schaden und E - bleibender Schaden) bedürfen insoweit der Überarbeitung.
Es gibt nachweislich bleibende Baumschäden, die keinen Kronenschnitt als Sofortmaßnahme erfordern, während andererseits vorübergehende Schäden (beispielsweise bei Jungbäumen) denkbar sind, bei denen als Sofortmaßnahme zunächst gewisse Schnittmaßnahmen erforderlich sind. Hier müsste aber zunächst geklärt werden, welcher der Kronenschnitte nach der ZTV-Baumpflege gemeint ist, die vom Kronenpflegeschnitt und bis zum Kronensicherungsschnitt sehr große Unterschiede aufweisen. Auch verschiebt sich nach heutigen Erkenntnissen der Umfang der Sofortmaßnahmen einerseits und der Nachsorge andererseits, wobei erstere möglichst gering zu halten sind, um dem Baum zunächst eine Möglichkeit der eigenen Reaktion zu geben und um erst daran anknüpfend weitere und in der Regel umfangreichere Maßnahmen anzuschließen.
Der Hauptfehler, der selbst von lange in der Praxis tätigen Sachverständigen gemacht wird, liegt im Vordruck E, wenn der Funktionsverlust des Baumes mit einem Prozentsatz des Baumwertes zu berechnen ist. Dieser Prozentsatz darf unter keinen Umständen den Tabellen 21 oder 21 a der Aktualisierten Gehölzwerttabellen entnommen werden, weil es sich dort um den Gesamtschaden handelt, im Vordruck E aber nur um eine Teilposition von mehreren. Das Ergebnis fällt sonst zwangsläufig viel zu hoch aus, worauf bereits mehrfach hingewiesen wurde [15].
Auch die Berechnung der Kosten der vorzeitigen Ersatzinvestition muss diskutiert werden, aber nicht wie in der Ablehnung von Schall [16], der behauptet: "Bei den Kosten der vorzeitigen Ersatzinvestition handelt es sich um ein Element der Ertragswertrechnung, das hier in das Sachwertverfahren einfließt." Damit werden die rechtlichen und methodischen Zusammenhänge verkannt. Die Methode Koch als Sachwertverfahren bezieht sich ausschließlich auf die Wertermittlung als solche, während die Teilschadenberechnung zwar auch von Koch entwickelt wurde, aber nicht die Methode Koch darstellt.
Alle Positionen der Teilschadenberechnung liegen in der Gegenwart oder Zukunft, während alle Positionen der Herstellung, also der Wertermittlung, in der Vergangenheit liegen. Wertermittlung und Teilschadenberechnung erfordern deshalb völlig unterschiedliche Berechnungswege, und die Gerichte haben anerkannt, dass alle durch die Baumbeschädigung in der Zukunft entstehenden und deshalb notwendigerweise abzuzinsen- den Kosten eine bereits heute eingetretene Wertminderung des Grundstücks darstellen. So urteilt auch das auf dem Vordruck G zitierte OLG Düsseldorf [17].
Im Rahmen der Teilschadenberechnung werden auch bei der Altersbestimmung häufig Fehler gemacht. Die Altersbestimmung von Bäumen stellt den Sachverständigen grundsätzlich oft genug vor kaum lösbare Fragen. Dazu kommt, dass die Frage nach dem Alter von Gehölzen in der Wertermittlung (bei den Wertminderungen) und in der Teilschadenberechnung (bei den Kosten der vorzeitigen Ersatzinvestition) unterschiedlich beantwortet werden muss.
Es geht hei der Wertermittlung im Vordruck A ausschließlich um die Lebenserwartung dieser Baumart an diesem Standort, und zwar unter fachlich einwandfreien Bedingungen, soweit sie dieser Standort hergibt. Alle Vorschäden gehören zu den übrigen Wertminderungen.
Dagegen richtet sich die Altersbestimmung bei der Teilschadenberechnung im Vordruck E für die Berechnung der Kosten der vorzeitigen Ersatzinvestition immer nach dem Zustand des zu beurteilenden Baumes, so wie er sich mit allen Vorschäden darstellt.
Ausblick
Bereits diese wenigen Beispiele aus der Gehölzwertermittlung zeigen, wie intensiv die Methode Koch in der Anwendung auf eine Übereinstimmung mit den fachlichen Erkenntnissen in der Baumpflegepraxis zu überprüfen ist. Die neuen -Vordrucke zur Gehölzwertermittlung und zur Teilschadenberechnung, die diesen Erkenntnissen Rechnung tragen, sowie die Fortentwicklung der Methode Koch -mit dem Ziel einer fachlich richtigen und einheitlichen Anwendung -werden jetzt auch im Internet vorgestellt unter
www.methodekoch.de.
Literatur/ Veröffentlichungen
- Shigo, A. L., 1994, Moderne Baumpflege -Grundlagen der Baumbiologie, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Shigo, A. L., 1991, Baumschnitt - Leitfaden für richtige Baumpflege. Thalacker Medien, Braunschweig.
- Wäldchen, M,/Breloer, H., 2000, Zerstörung und Wertverlust durch Kappung, Landschaftsarchitektur Januar 2000, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Wäldchen, M./Breloer, H., 2000, Mangelhafte Baumpflege - Gefahren und Wertverlust, Landschaftsarchitektur Juni 2000, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Breloer, H./Wäldchen, M., 2000, Beurteilung und Berechnung von Anfahrschäden, Landschaftsarchitektur Februar 2000, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Baumpflege und Baumsanierung, z.Z. Fassung 1993, FLL in Bonn.
- Wäldchen, M./Breloer, H., 2000, Behandlung und Wertberechnung von Naturdenkmalen, Landschaftsarchitektur Januar 2001, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Wäldchen, M., 2000, Der Kronenverjüngungsschnitt, Baum-Zeitung, 2/2000, Baum-Zeitung Verlagsgesellschaft mbH, Minden.
- Breloer, H., 1996, Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen - aus rechtlicher und fachlicher Sicht, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Wäldchen, M., 2000, Tagungsband der 18. Osnabrücker Baumpflegetage, Stadt Osnabrück Amt für Grünflächen.
- Wäldchen, M./Breloer. H., 2000, Die Probleme schiefer, hohler und pilsbefallener Bäume, Landschaftsarchitektur März 2000, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Breloer, H /Wäldchen, M., 2000, Einfluss von Alter und Vitalität auf die Verkehrssicherheit und den Wert des Baumes, Landschaftsarchitektur September 2000, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Beutler, A./Herfort, Chr, 1995, Altbäume in der Stadt, Stadt und Grün 7/95, Patzer Verlag, Berlin-Hannover.
- Breloer, H, Praxis der Gehölzwertermittlung, Wertminderung und Funktionsverlust, Landschaftsarchitektur August1999. Thalacker Medien, Braunschweig.
- Koch, W, Aktualisierte Gehölzwerttabellen, Verlag Versicherungswirtschaft Karlsruhe. 3. Aufl. Auszug bearb. von Breloer, Wäldchen, M., Breloer, H, Praxis der Baumbeurteilung. Wurzelverluste bei wiederholten Aufgrabungen, Landschaftsarchitektur April 2000, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Schall, H, Erstellung von Gehölzwerten in der fachlichen Diskussion, Wertermittlungsforum Heft 3 2000, SVK-Verlag Erndtebrück.
- OLG Düsseldorf, Urteil vom 27.5.1998, AgrarR 1993,119.
- Shigo, Alex L., 1990, Die Neue Baumbiologie, Thalacker Medien, Braunschweig.
- Shigo, Alex L., 1998, Grundsätzliches über Bäume, Fach-Info, Bruns GmbH, 26160 Bad Zwischenahn.
- Braun, H. J., 1992, Bau und Leben der Bäume, Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau.
- Bernatzky, A., 1994. Baumkunde und Baumpflege, Thalacker Medien. Braunschweig.
- Höster, H. R., 1993, Baumpflege und Baumschutz, Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart.
- Schwarze, F. W. M.R., Engels. J.,, Mattheck, C.,1999, Holzzersetzende Pilze in Bäumen - Strategien der Holzzersetzung, Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau.
- Roloff, A., 1989, Kronenentwicklung und Vitalitätsbeurteilung ausgewählter Baumarten der gemäßigten Breiten. J. D. Sauerländer's Verlag. Frankfurt am Main.
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