Praxis der Baumbeurteilung

Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung
- Teil 3: Die Probleme schiefer, hohler und pilzbefallener Straßenbäume
von Marko Wäldchen und Helge Breloer

In dieser zwölfteiligen Serie werden einige der häufigsten Baumschäden und Baumprobleme vorgestellt. Im dritten Teil wird die Problematik schiefer, hohler und pilzbefallener Bäume vornehmlich aus biologischer und biomechanischer Sicht diskutiert. Es geht um einen verantwortungsvollen und fachgerechten Umgang mit diesen Bäumen in der Praxis.

Bäume auf natürlichen oder naturnahen Standorten stellen sich bis ins hohe Alter flexibel auf ihre Gegebenheiten ein, die sich nur in Ausnahmefällen radikal ändern. Bäume verfügen über biochemische, biomechanische und biologische Möglichkeiten (Strategien), deren sie sich je nach Bedarf bedienen.
Beispiele: Ein Baum, der angeht und nur schief wachsen kann, folgt dem Axiom konstanter Spannung und der Gestaltoptimierung eben als schiefer Baum, erzeugt die notwendigen Wachstumsspannungen, ist sicher. Laubbäume, die sich nicht mittels Zugholz aufrichten oder aufrecht halten können, bilden Druckholz oder aussteifendes, sicherndes Stützholz aus¹. Auf natürlichen und naturnahen Standorten können Bäume annähernd ungestört auf Anforderungen reagieren, so wie sie es in der Evolution gelernt haben. Pilzbesiedlung und Aushöhlung sind natürlicher Teil des Altersstadiums, das sich über viele Jahrzehnte hinziehen kann.

Besonderheiten bei Straßenbäumen

Bei Straßenbäumen, insbesondere innerhalb von Orten, stellt sich dies anders dar. Sie verfügen zwar über das gleiche Strategienpotential, sind jedoch meistens dramatischen Beeinträchtigungen ausgesetzt:
  • Der durchwurzelbare Raum ist viel zu gering
  • Boden und Bodenluft sind schlecht
  • Zusätzlich wird er häufig verseucht durch Hundeurin, Streusalz und andere Stoffe
  • Verdichtung und Wassermangel sind ein weiteres Problem
  • Bedingt durch Bau- und Wartungsarbeiten kommt es immer wieder zu Wurzelverletzungen
  • Anfahrschäden
  • Schlechte Luft und mangelnde Durchlüftung schwächen zusätzlich
  • Eine weitere Beeinträchtigung stellen die häufigen Schnittmaßnahmen dar
  • Mit 60 bis 90 Jahren haben sie meistens das biologische Alter eines uralten Baumes in der freien Landschaft erreicht.
Der innerörtliche Straßenbaum ist von Anfang an einer Kombination von stressenden Umständen und Faktoren ausgesetzt, die es auf natürlichen oder naturnahen Standorten nicht gibt und auf die Bäume sich nicht wirklich einstellen können. Ein kraftvolles und effektives Abwehrsystem können sie nicht aufbauen, weil sie von Anbeginn mit Abwehr beschäftigt sind.

Der schiefe Straßenbaum

Ein grundsätzlicher Negativbonus hinsichtlich der Verkehrssicherheit ist dem schiefen Straßenbaum nicht zuzuschreiben. Die Schiefheit ist eine mögliche Daseinsform, nichts weiter. Auch der schiefe Baum folgt dem Axiom konstanter Spannung, mißt seine spezifischen Belastungen, erzeugt die erforderlichen Wachstumsspannungen, optimiert sein Inneres und Äußeres durch entsprechende Holzanlagerung. Dass von Anbeginn bestehende Schiefheit vom Baum als Behinderung empfunden wird, zu vorzeitigem Verschleiß und Abgängigkeit führt, ist weder bewiesen noch lässt es sich als zwangsläufige biologische Folge plausibel und schlüssig darstellen.

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Ein Straßenbaum mit Pilzbefall auf der Zugseite und diesem Rindenbild ist nicht mehr verkehrssicher und sollte entfernt werden. Messtechnik ist hier überflüssig. Da der Baum seine Funktion als Straßenbaum nicht mehr erfüllen kann, hat er auch keinen in Geld zu bemessenden Wert.

Kontrolle

Die Kontrolle eines schiefen Baumes unterscheidet sich insofern nicht von der Kontrolle eines ,normalen Baumes, da jeder Baum entsprechend seiner spezifischen Situation anzusprechen ist. Es muss also geschaut werden nach Kronenaufbau, Verzweigungsbild, Totholz, Gabelungen, Verletzungen des Holzkörpers, Rindenbild, Gestaltanomalien, Pilzbefall, Hinweisen im Standraum, die die Vermutung nahelegen, dass Wurzeln verletzt wurden. Die Baumkontrolle ist nur dann biomechanisch fundiert, wenn der/die Baumkontrolleur(in) weiß, welche möglichen Strategien im konkreten Fall abzufragen sind. Der schiefe Laubbaum hält sich aufrecht entweder durch besonders starke Zuwächse auf der zugbelasteten Seite oder durch besonders starken Zuwachs auf der Druckseite. Im Alter geht der Trend deutlich zur Druckseite. Es ist also zu überprüfen für welche Strategie sich der Baum entscheiden musste und ob nach wie vor ausreichende Zuwachsaktivität zu verzeichnen ist. Problematisch ist, wenn der Baum keine Bemühungen erkennen lässt, seine Krone entgegengesetzt der Schiefheit auszubilden. Akute Bruchgefahr muss unterstellt werden, wenn die untere druckbelastete Stammzone bis in den Holzkörper reichende Risse aufweist. In beiden Fällen besteht sofortiger Handlungsbedarf, entweder fachgerechte Entlastung oder Fällung. Eine Entlastung ist beispielsweise dann nicht mehr fachgerecht, wenn der Baum danach für immer unansehnlich bleibt.

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Wieweit der Schiefstand dieser Linde sich wertmindernd auswirkt, hängt wie alle Fragen im Zusammenhang mit der Gehölzwertermittlung vor allem von der Funktion des Baumes ab. Beim Straßenbaum kommt es ausschließlich auf seine Funktion für die Straße an. Die Verkehrssicherheit des Baumes hat Vorrang. Ist diese wie hier gegeben, muss das Erscheinungsbild des schiefen Baumes überprüft werden. In diesem Fall führt nicht allein der aus dem Rahmen der übrigen Bepflanzung fallende und deshalb störende Schiefstand, sondern auch der mangelhafte Kronenaufbau und die schlechte Kronenpflege zu einer Wertminderung von letztlich 55 Prozent des Herstellungswertes. Die Krone des schiefen Baumes ist im Vergleich zu der normal entwickelten benachbarten Linde fast auf die Hälfte reduziert.



Der hohle Straßenbaum

Dank biomechanischer, wissenschaftlich abgesicherter Erkenntnisse haben wir heute eine Orientierung, wo das kritische Maß der Aushöhlung beginnt. Vereinfachend lässt sich das mit dem Ein-Drittel-Kriterium beschreiben, wonach baumpflegerischer Handlungsbedarf besteht, wenn bei einem Baum, der noch über seine komplette ursprüngliche Krone verfügt, die intakte Restwand nicht mehr stärker ist als ein Drittel des Radius.
Der vitale, abwehrstarke Baum reagiert kompensierend auf die Ausfaulung durch entsprechende Zuwächse, wobei er der Fäuleausdehnung immer wieder Hindernisse entgegensetzen kann. Beim innerörtlichen, gestreßten Straßenbaum verhält sich dies häufig anders. Aufgrund mangelnder Kraft verfügt er nur eingeschränkt über die Fähigkeit zur biologischen und biomechanischen Kompensation. Der Holzabbau schreitet wenig gebremst voran, bei geringen Zuwächsen. Die Vitalität lässt stetig nach, so dass eine schlechte Prognose gestellt werden muss, sowohl was die Biologie angeht, als auch hinsichtlich der Verkehrssicherheit. Im Regelfall ist die vorzeitige Beseitigung unumgänglich, da hier die Verkehrssicherheit erste Priorität hat. Bezogen auf den Einzelbaum sind wir noch weit davon entfernt, das Tempo von Abbauprozessen für die Praxis brauchbar einzuschätzen.

Kontrolle

Jede Baumkontrolle, nicht nur die des hohlen Baumes, muss sorgfältig durchgeführt werden. Bei einem offensichtlich geschädigten Straßenbaum muss man sich aber stets die besonders hohen Ansprüche an die Verkehrssicherheit vor Augen halten. Dies bedeutet strengere Bewertung von Mängeln und frühere Bereitschaft zu Maßnahmen, beispielsweise fachgerechte Reduzierung der Windangriffsfläche. Dass ein derartiger Rückschnitt der Vitalität nicht zuträglich ist, muss in solchen Ausnahmefällen hingenommen werden.
Die Kontrolle sollte so wie beim schiefen Straßenbaum durchgeführt werden. Biomechanisch hat der hohle Straßenbaum andere Kompensationsleistungen zu erbringen als der schiefe, so dass zu überprüfen ist, wie er mit seinem Mangel umgeht. Von großer Wichtigkeit ist dabei das Rindenbild von Stamm und Wurzelanläufen. Hier lässt sich ablesen, wie aktiv die einzelnen Zonen sind. Meistens lassen sich über die Gesamtbetrachtung des Baumes ausreichende Erkenntnisse gewinnen, um die Verkehrssicherheit zu beurteilen und Maßnahmen festzulegen.
Der Einsatz von Meßtechnik ist nur selten erforderlich. Ihr Stellenwert ist dabei realistisch einzuschätzen. Meßtechnik entscheidet nicht, sie kann zur Entscheidungsfindung beitragen, vorausgesetzt der/die Anwender(in) kann die Instrumente sinnvoll einsetzen und das Gemessene interpretieren. Dies sollte eine Selbstverständlichkeit sein, ist es jedoch nicht, wie die Realität zu belegen scheint. Geeignete Meßgeräte sind beispielsweise der elektronische Impulshammer, der Arbotom und die Resistographen 1280 und 1410.

Der pilzbefallene Straßenbaum

Der Fruchtkörper des Pilzes, also das, was wir bei der Baumkontrolle sehen, ist Bote der Information, dass im Baum Holz abgebaut wird. Im äußeren Umfeld des Fruchtkörpers müssen abgestorbene Zonen (Nekrosen) nicht unbedingt erkennbar sein. Der so gekennzeichnete Baum (Wirt) ist von einem Organismus (Parasit) besiedelt, der lebt und wächst, indem er seinen Wirt stückchenweise zerlegt (destrukturiert).
Ein an sich vitaler Baum mit quantitativ und qualitativ guten Zuwächsen kann Jahrzehnte mit Pilzbefall leben, ohne ernsthaft krank oder bruchanfällig zu sein. Der an sich vitale Baum setzt dem Pilz Grenzen/Hürden. Es findet eine Art Verständigung statt, die beiden Organismen die Existenz sichert. Manches Zusammenleben von Wirt und Parasit hat Züge eines regelrechten Abkommens - der Pilz agiert in der Vegetationsruhe und ist inaktiv während der Vegetationsphase. So hat der Baum die Chance zu kompensieren, was ja auch für den Pilz sinnvoll ist, weil ihm immer wieder aufs neue Energie geliefert wird.
Ein Baum mit mangelnder Vitalität und Dauerstreß setzt dem Pilz keine oder nur geringe Grenzen - der Parasit wächst immer stärker, benötigt mehr Energie, zerstört den Baum bis zum Bruchversagen. Innerörtliche Straßenbäume sind permanent gestreßt und haben häufig geminderte Vitalität, sind nicht selten mehrfach geschädigt. Ein Pilzbefall muss bei ihnen als in höchstem Maße alarmierend eingestuft, sie müssen vorzeitig entfernt werden. Baumarten mit wenigen aktiven Jahrringen und großem Kernholzanteil können gänzlich ausfaulen, ohne ein Defektsymptom zu zeigen.

Kontrolle

Ein innerörtlicher Straßenbaum, der insgesamt in einem schlechten Zustand und pilzbefallen ist, sollte beseitigt werden. Ansonsten ist eingehend zu überprüfen, wie weit die Destrukturierung fortgeschritten ist und wie sich der Zuwachstrend des Pilzes darstellt in Relation zum Zuwachstrend des Holzkörpers. Welche Art des Abbaus (Muster) liegt vor? Was bedeutet dies für die Bruchsicherheit? Welche Prognose kann gestellt werden? Neben der Mykologischen Analyse sind beispielsweise die bereits genannten Resistographen und hier eventuell auch der Zuwachsbohrer geeignet. Was ist tatsächlich an dem zu beurteilenden Baum festzustellen?



Veröffentlichungen/Literatur

Shigo, Alex L., 1990, Die Neue Baumbiologie. 1990. Fachbegriffe von A bis Z, 1991, Baum Schnitt, 1994, Moderne Baumpflege, 1995. Baum Anatomie, Thalacker Verlag, Braunschweig und 1998, Grundsätzliches über Bäume, Fach-Info, Bruns GmbH. 26160 Bad Zwischenahn

Telewski, F. W., 1995, "Wind-induced physiological and developmental responses in trees", in "Wind ond trees", Seite 237 U, Hrsg: M.P Coutts & J. Grace, CAMBRIDGE University Press

Mattheck/Breloer. 1994, Handbuch der Schadenskunde von Bäumen, 2. Auflage, Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau

Mattheck, C., 1997, Design in der Natur, Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau und 1992, Die Baumgestalt als Autobiographie, Bernhard Thalacker Verlag, Braunschweig

F.W.M.R. Schwarze, J. Engels, C. Mattheck, "Holzzersetzende Pilze in Bäumen - Strategien der Holzzersetzung", Rombach Verlag. Freiburg im Breisgau

Roloff, A., 1993, Kronenentwicklung und Vitalitätsbeurteilung ausgewählter Baumarten der gemäßigten Breiten, J. D. Sauerländer's Verlag. Frankfurt am Main Breloer, H., 1996, Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen, Thalacker Verlag, Braunschweig

Frank Rinn, 1990, Grundsätzliche Anmerkungen zur Aussagekraft von Verfahren zur Untersuchung von Bäumen im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht. Das Gartenamt 6/90,1994, Wie genau Kann die Bruchsicherheit eines Baumes ermittelt werden?, Das Gartenamt, 2/94 und 1993, Modelle zur Beurteilung der Bruchsicherheit von Bäumen, Landschaftsarchitektur, 04/93

Mattheck/Breloer. 1992, Zugversuche zur Überprüfung der Bruchsicherheit, DAS GARTENAMT, 9/92 Dujesiefken. D., 1995, Messemagazin areal, "Differenzierung von Vitalität und Verkehrssicherheit bei Straßen- und Parkbäumen", Seite 29.




¹Hierzu gibt es eine Abhandlung des Autoren M. Wäldchen, eine gesonderte Print- und Internetveröffentlichung ist in Vorbereitung.


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