Praxis der Baumbeurteilung
Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung
- Teil 5: Ursachen und Folgen von Veränderungen im Kronenbild
von Marko Wäldchen und Helge Breloer
In dieser zwölfteiligen Serie werden einige der häufigsten Baumschäden und Baumprobleme vorgestellt und sowohl aus biologischer und biomechanischer Sicht als auch unter Kosten- und Schadensersatzaspekten diskutiert. Der fünfte Teil behandelt die zutreffende Einschätzung von Veränderungen im Kronenbild. Es geht um einen verantwortungsvollen und fachgerechten Umgang mit den Bäumen in der Praxis und die richtige Beurteilung von Schäden.
Dieser Beitrag kann nicht alle Formen von Veränderungen im Kronenbild beschreiben und erläutern. Dies allein würde eine zwölfteilige Serie rechtfertigen. Zur notwendigen, weitergehenden Vertiefung wird auf die einschlägigen Fachpublikationen insbesondere von Roloff und Gleißner verwiesen. Unerlässlich ist das eigene Studium sowohl gesunder als auch geschädigter Baumkronen. Das vermeintliche Verständnis eines baumfachlichen Textes ist wertlos, wenn man nicht in der Lage ist, es am konkreten Baum umzusetzen.
Beurteilung des Baumes
Die Kompetenz, schadenbedingte Kronenveränderungen erkennen und beurteilen zu können, setzt voraus, dass man den Baum in seiner biologischen Ganzheit begreift und die Wechselwirkungen im Baumkörper kennt,
- dass man weiß, wie eine gesunde Krone der jeweiligen Baumart als Jungbaum, im Reife- und im Altersstadium aussieht, unter Berücksichtigung der Standortbedingungen,
- dass man den Baum botanisch zuordnen kann, die Natur- und Kulturformen kennt,
- dass man die für die Baumart typische, grobe und feine Strukturierung (Verzweigungsmuster und Blattgröße/-färbung) der Krone kennt,
- dass man weiß, welche Funktion/ Bedeutung Kurz- und Langtriebe haben,
- dass man sich mit Blühverhalten und Fruchtbildung auskennt,
- dass man weiß, welche Bäume reïterationsfreudig, welche lediglich reïterationsbereit sind und ob auch Altbäume der Art noch über diese Fähigkeit verfügen,
- dass man erkennt, welche Reïterationen durch ein Schadereignis entstanden sind und welche nicht,
- dass man erfahren genug ist, um einschätzen zu können, ob eine nach Schadereignis eingesetzte Reïteration Bestand haben wird.
Rotfichte drei Jahre nach Spielplatzerrichtung ohne jegliche Baumschutzbemühungen. Der Baum hat keine Chance mehr: Sehr starker, weitgehender Nadelverlust -Lametta-Syndrom- Absinken der Äste.
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Alteiche mit vollständig verändertem Verzweigungsbild - nicht durch Schnittmaßnahmen verursacht. Der Baum war vor zig Jahren fast tot, große Teile der Krone starben schlagartig ab - danach Neuaustrieb, ausschließlich in Form von Reiterationen. Erstaunlich! Am Tag der Aufnahme wurde mit Baumpflegemaßnahmen begonnen.
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Jeder Baum verändert regulär sein Kronenbild, und zwar seinem Altersstadium entsprechend und in Abhängigkeit von den ihm mitgegebenen genetischen Informationen. Zwei Beispiele: 1. Unproblematische Kronenmerkmale sind Reïterationen, die manche Baumarten (zum Beispiel Linde) ausbilden, ohne dass irgendeine Mangelsituation vorliegt (Reïterationsfreudigkeit). Diese Reïterationen sterben jedoch meistens nach ein paar Jahren wieder ab, neue treten an ihre Stelle, sterben nach ein paar Jahren wieder ab usw. 2. Altbäume gehen nicht selten dazu über, kleinere Blätter auszubilden, ohne dass eine Virose vorliegt oder der Baum Mangel leidet. Die Blätter sind leistungsfähig, der Baum ist dicht belaubt. Vermutlich ist dies seine Altersstrategie, die bewirkt, dass der Baum weniger verdunstet. Hier sollte nicht von einem Schadsymptom gesprochen werden.
Reguläre Veränderungen im Kronenbild müssen als solche angesprochen werden. Kronenveränderungen, die durch Schadereignisse ausgelöst wurden, sind dahingehend zu überprüfen, ob der betroffene Baum sie eventuell kompensieren kann (Schadensberechnung nach dem Fachgutachten-Vordruck D) oder ob es sich um bleibende Schäden handelt (Schadensberechnung nach dem Fachgutachten-Vordruck E). Dies ist für die zutreffende Berechnung des eingetretenen Schadens unabdingbar wie auch die Feststellung, ob ein bleibender Schaden ein Belassen des Baumes auf eine bestimmte Reststandzeit rechtfertigt oder ob aus biologischer und/oder gestalterischer Sicht ein Totalschaden vorliegt.
Nicht selten wird es notwendig sein, eine weitere Vegetationsperiode abzuwarten, um die Reaktionen des Baumes fundiert beurteilen zu können.
Veränderungen des Assimilationsapparates (Blattwerk/Belaubung)
Verfärbungen (Chlorosen, Nekrosen, etc.) und Verluste von Blättern/Nadeln schränken die Bildung von Assimilaten ein bzw. verhindern sie. Der Baum gerät in Stress und muss auf seine Reserven (sofern vorhanden) zurückgreifen. Auf den möglichen Verlust nicht verholzter Körperteile mussten sich die Bäume einstellen, denn komplette Entlaubung kann auch durch natürliche Schadfaktoren und -ereignisse verursacht werden, so zum Beispiel durch Wassermangel oder Raupenfraß. Das Nichtfunktionieren des Assimilationsapparates kann überwunden werden, ohne dass sich nachhaltige Schäden einstellen müssen. Zwingende Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der geschädigte Baum Knospen für den nächstfolgenden Austrieb anlegt.
Ohne die reguläre Anlage von austriebsfähigen Knospen kann es zwar auch zu einem Neuaustrieb kommen (abhängig vom biologischen Alter, von der Baumart und von der Grundvitalität), dann jedoch als Reïteration, was gleichbedeutend ist mit einsetzender Totholzbildung und nachhaltiger Veränderung des Verzweigungsbildes.
Nichtnatürliche Ursachen für Beeinträchtigungen des Assimilationsapparates oder Entlaubung sind beispielsweise Eingriffe in den Grundwasserspiegel, Streusalz, Gasleckagen und mechanische Wurzelbeschädigungen.
Radwegbau in zirka 80 cm (!) Entfernung von den Stammfüßen der Rosskastanien hat kurze Zeit später zu einer dramatischen Verfärbung der Belaubung geführt. Der Assimilationsapparat ist kaum noch funktionsfähig, das Verzweigungsbild ist unverändert.
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Die Rosskastanien im Frühjahr danach. Das Verzweigungsbild ist unverändert. Der Assimilationsapparat zeigt zwar Schwächen und wird die gesamte Vegetationsperiode Mangel leiden, aber es lässt sich fachlich nicht begründen, den Bäumen keine Chance zur Erholung zu geben. Allerdings müsste noch überprüft werden, inwieweit die Verkehrssicherheit der Rosskastanien beeinträchtigt wurde. Übrigens stellen diese beiden Abbildungen in Frage, ob Kronenteile abhängig sind von den direkt unter ihnen befindlichen Wurzelanläufen.
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Veränderungen des Verzweigungsbildes
Der Zustand der Belaubung kann sich von einer zur nächsten Vegetationsperiode, ja sogar in derselben, gravierend verändern, nicht aber das Verzweigungsbild beziehungsweise Verzweigungsmuster. Trifft man auf einen Baum, der nicht mehr die ursprüngliche Verzweigungshierarchie aufweist, sondern beispielsweise gekennzeichnet ist durch wüchsige Reïterationen bei gleichzeitiger Wuchsreduktion und/oder Totholzbildung in den ursprünglichen Verzweigungen, so muss klar sein, dass die Ursache der Veränderung länger zurückliegt. Man kann den Zeitpunkt annähernd feststellen durch die Altersbestimmung der signifikanten Reïterationen. Eine exakte Bestimmung liefert die fundierte Jahrringanalyse. Letztere ist allerdings nicht verletzungsfrei. Im Übrigen muss man sich darüber im Klaren sein, dass der ursprüngliche Zustand nie wieder herstellbar ist. In solchen Fällen handelt es sich immer zumindest um einen bleibenden Schaden.
Kontrolle von und Umgang mit Veränderungen des Assimilationsapparates
Ein während der Vegetationsperiode entlaubter oder annähernd entlaubter Baum wirkt schockierend, ganz gleich, seit wie vielen Jahren man sich mit Bäumen beschäftigt. Aber anstatt voreilig im Geiste oder tatsächlich die Kettensäge zum Fällschnitt anzusetzen, sollte man die gesamte Krone dahingehend kontrollieren (Fernglas oder seilgestütztes Klettern oder Hubarbeitsbühne), ob der Baum austriebfähige Knospen für die nächste Vegetationsperiode angelegt hat, Ist dies der Fall, sollte der Austrieb des nächsten Jahres abgewartet werden, und zwar bis in den Sommer hinein. Dieses Vorgehen steht nicht im Widerspruch zur Verkehrssicherungspflicht.
Ein nach Angaben des Eigentümers gasgeschädigter Straßenbaum in einer deutschen Großstadt, aufgenommen im Juni 1998. Die Linde hatte eine sehr große Menge an Blättern bereits abgeworfen, die noch vorhandenen waren stark verfärbt und ebenfalls kurz vor dem Fall. Das Verzweigungsbild weicht stark von dem einer intakten Winterlinde ab. Ursprüngliche Schwach- und Grobäste sind kaum noch vorhanden, statt dessen eine Vielzahl von Reiterationen unterschiedlichen Alters. Die Linde war in zeitlichen größeren Abständen mehreren Schadereignissen ausgesetzt.
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Dieselbe Linde im Juli 1999. Selbstverständlich hat sich am Verzweigungsbild nichts erkennbar verbessert, aber ein im Vergleich zum Vorjahr kräftiger Assimilationkörper. Man muss Bäumen eine Chance zur Erholung geben. Darüber hinaus sollte die Beobachtung derartiger Entwicklungen als Forschungsbeitrag verstanden, dokumentiert und der Fachwelt zugänglich gemacht werden. Die Linde wurzelt übrigens in sandigem Boden.
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Kontrolle von und Umgang mit Veränderungen im Verzweigungsbild
Veränderungen des Verzweigungsbildes belegen länger oder lange zurückliegende Schadereignisse mit nachhaltiger Auswirkung. Sie müssen biologisch und ästhetisch bewertet werden.
Die biologische Kontrolle bezieht sich auf das Reïterationsverhalten des Baumes insgesamt und auf den Zustand der Reïterationen selbst. Reïterationen, die bereits Vergreisungserscheinungen zeigen, stehen in absolutem Widerspruch zu einer positiven Gesamtprognose. Falls notwendig, sollte auch hier ein weiterer Austrieb abgewartet werden. Vorhandenes Totholz muss je nach Erfordernissen der Verkehrssicherungspflicht sofort entfernt werden.
Einfluss auf die Wertermittlung
Selbstverständlich haben Veränderungen des Verzweigungsbildes Einfluss auf den Wert des Baumes und müssen unter den genannten fachlichen Gesichtspunkten berücksichtigt werden. Sie können als Wertminderung des Baumes in Abzug zu bringen sein, wenn sie beim Eintritt eines neuen Schadereignisses bereits vorliegen oder sie sind als eingetretener Total- oder Teilschaden zu beurteilen.
Die Wertminderungstabellen 20 bis 21 der Aktualisierten Gehölzwerttabellen von Werner Koch können auf Veränderungen im Kronenbild keine Anwendung finden. Diese Veränderungen entziehen sich mehr als andere Baumschäden einer tabellarischen Einordnung im Rahmen einer Schadensberechnung und sind nur mit einem Höchstmaß an Fachwissen zu erfassen.
Veröffentlichungen/Literatur
Braun, H. J.. 1999, Bau und Leben der Bäume, 4. erneuerte Auflage. Rombach Verlag, Freiburg im Breisgau.
Fink, S., 1993, Möglichkeiten und Grenzen von Regenerationsprozessen bei Bäumen. Anlässlich des Leipziger Gehölzseminares, Institut für Forstbotanik und Baumphysiologie - Professur für Forstbotanik, Bertoldstraße 17, 89085 Freiburg im Breisgau.
Gleißner, P., 1995/96, Sichtkontrolle und Vitalitätsbeurteilung von Laubbäumen mit Verzweigungsmustern, Teil 1 und 2, Stadt und Grün 12/95 und
02/96, Patzer Verlag. Berlin-Hannover.
Gleißner, P., 1997. Die Hainbuche - Dynamik in der Verzweigung unter natürlicher Entwicklung und unter Streß, in: Jahrbuch der Baumpflege 1997, Seiten 195-199, Thalacker Verlag. Braunschweig.
Gleißner, P., 1998, Vitalitätsbeurteilung von Laubbäumen, Teil 1 und 2, Stadt und Grün 02/98 und 03/98. Patzer Verlag. Berlin-Hannover.
Gleißner. P., 1998, Das Verzweigungsmuster ausgewählter Laubbaumarten und seine Veränderung durch nicht-pathogene Schädigungen.
Teile 1 und 2. Palmarum Hortus Francofurtensis (PHF) 6: 3 - 132, Wissenschaftliche Berichte des Palmengarten Frankfurt am Main.
Gleißner. P., 1999. Die Berücksichtigung von Verzweigungsmerkmalen in der visuellen Baumkontrolle, in: Jahrbuch der Baumpflege 1999, Seiten 211-215. Thalacker Verlag. Braunschweig.
Hartmann, G., Nienhaus, F., Butin, H.. 1988, Farbatlas Waldschäden, Ulmer Verlag, Stuttgart.
Roloff, A., 1989. Kronenentwicklung und Vitalitätsbeurteilung ausgewählter Baumarten der gemäßigten Breiten, J.D. Sauerländer´s Verlag. Frankfurt am Main.
Roloff, A., 1998, Vitalitätsbeurteilung anhand der Kronenstruktur. in: Jahrbuch der Baumpflege 1998; Seiten 142-151.
Roloff, A., 1999. Ursachen und Bedeutung von Eichen-Zweigabsprüngen, in: Jahrbuch der Baumpflege 1999, Seiten 7587. Thalacker Verlag. Braunschweig.
Shigo. A. L., 1990, Die Neue Baumbiologie. Thalacker Verlag. Braunschweig.
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