Praxis der Baumbeurteilung
Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung
- Teil 8: Einfluss von Alter und Vitalität auf die Verkehrssicherheit und den Wert des Baumes
von Marko Wäldchen und Helge Breloer
In dieser zwölfteiligen Serie werden einige der häufigsten Baumschäden und Baumprobleme vorgestellt und sowohl aus biologischer und biomechanischer Sicht wie auch unter Kosten- und Schadensersatzaspekten diskutiert. Der achte Teil behandelt die differenzierte Betrachtung von Alter und Vitalität von Bäumen mit dem Ergebnis, dass Alter und mangelnde Vitalität nicht zwangsläufig zum Verlust der Verkehrssicherheit führen und auch für den Wertverlust weitere Kriterien heranzuziehen und letztlich maßgebend sind. Es geht um einen verantwortungsvollen und fachgerechten Umgang mit den Bäumen in der Praxis und die richtige Beurteilung von Schäden.
Wildapfel bei Stubbendorf im Landkreis bad Doberan, Stammumfang 4,50 m, der größte bekannte Wildapfel Deutschlands
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Vitalität
Die Kraft eines biologischen Systems wird beschrieben durch sein genetisches Potential, Überlastungen zu widerstehen, Bedrohungen zu überleben. Es handelt sich also um eine Anlage, nicht bereits um deren Verwirklichung. Die Umsetzung des Potentials setzt eine weitere aktive Fähigkeit voraus, nämlich Vitalität - nach Shigo die Fähigkeit, unter den derzeit gegebenen Bedingungen zu existieren, also eine dynamische Handlung.
Kraft ohne Vitalität ist nutzlos und Vitalität ohne Kraft gibt es nicht.
Wie gut ein Baum mit der Eigenschaft Vitalität ausgestattet ist, hängt von verschiedensten Faktoren ab die überprüft und eingestuft werden müssen. Ein Baum kann, je nach Standort und Kraft, uralt und durchaus vital sein -umgekehrt ist aber auch möglich, dass ein relativ junger Baum bereits weitestgehend devitalisiert ist.
Parameter zur Vitalitätsbeurteilung
Der Grad der Vitalität spiegelt sich am Baum wider, ablesbar am Rindenbild (1), den Trieblängen (2) dem Verzweigungsbild (3), der Menge und Anordnung von Totholz (4) und der Belaubung (5).
- Ist ein Baum noch so vital, dass er nennenswerte Dickenzuwächse hat, zeigt sich dies an vertikal verlaufenden, hellen Zuwachszonen. Diese rissartigen Zuwachsstreifen befinden sich in den Rinden- bzw. Borkenfalten. Ihre Deutlichkeit ist je nach Baumart unterschiedlich ausgeprägt, so dass der Blick diesbezüglich zu trainieren ist. Bäume mit grober Borke zeigen Zuwächse sehr deutlich, bei Bäumen mit fein strukturierter Rinde ist wenig zu sehen. Anhaltend zu geringe Dickenzuwächse sind Folge nachlassender Vitalität. Später stellen sich auch in anderen Zonen des Baumes Vitalitätsmängel ein.
- Deutliche Trieblängenzuwächse in den oberen Kronenpartien sind ein Beleg für Dynamik und gute Vitalität. Bei nachlassender Vitalität und/oder im Alter krümmen sich die Triebspitzen, werden die Zuwächse geringer bzw. bleiben aus. Bei günstigem Verlauf bildet der Baum gleichzeitig oder verzögert Sekundärtriebe (Reïterationen) in unteren Kronenpartien, woraus sich ein verkleinerter, wieder erstarkter Baum entwickeln kann. Ohne einsetzende Reïteration gerät ein solcher Baum relativ rasch in die Abgängigkeit.
- Jede Baumart hat ein Für sie typisches Verzweigungsmuster, dem jeder Einzelbaum folgt, jedoch immer mit individuellen Besonderheiten, in Abhängigkeit vom Alter und/oder äußeren Einwirkungen. Dieses Verzweigungsmuster führt zu einer signifikanten Hierarchie und einer Art Interaktion in der Krone1), 2). Ohne etwas von Architekturmodellen gehört zu haben, kann jeder aufmerksame Beobachter diese Ordnung erkennen und begreifen, beginnend damit, dass er intakte Bäume derselben Art und unterschiedlicher Altersstadien intensiv studiert. Er wird erkennen, dass sich das Verzweigungsbild des Gesamtbaumes in der Krone im Kleinen wiederholt, jeder Ast für sich betrachtet einen kleinen Baum darstellt. Der Gesamtbaum "besteht aus einer Vielzahl kleiner Bäume"3).
In hohem Alter, mit nachlassender Wachstumsdynamik löst sich diese Ordnung und Verzweigungshierarchie auf. Dies ist ein ganz normaler Prozess, keine Krankheit.
Bei einem dauergestressten Baum mit anhaltend nachlassender Vitalität kommt es zu vorzeitigen Veränderungen des Verzweigungsbildes und zum Zusammenbruch der Hierarchie:
Trieblängenzuwächse in der Peripherie gehen zurück oder bleiben aus. Es bilden sich Kurztriebe (Kurztriebketten). Grobäste gehen nicht mehr über in Schwach- und Feinäste, statt dessen sind sie besetzt mit Kurztrieben und/oder Reïterationen. Manchmal fehlt sogar der Übergang von Stark- in Grobäste. In unteren Kronenbereichen und im Kroneninneren werden zahlreiche ruhende Knospen aktiviert und Reïterationstriebe bilden sich aus l), 2), 4), 5). Äußere Kronenpartien werden aufgegeben.
- Ältere Bäume weisen immer Totholz auf, insbesondere wenn im Kroneninneren sehr wenig Licht vorhanden ist. Einzelne abgestorbene Äste, auch Starkäste, verstreut im Kronengefüge, sind kein Beleg für nachlassende Vitalität.
Anders verhält es sich, wenn komplette Kronenpartien eintrocknen (ohne dass eine mechanische Verletzung vorliegt, wie beispielsweise Wurzelabrisse, Anfahrschäden oder Blitzeinschlag) oder die Krone von der Peripherie ausgehend zurücktrocknet. Dann liegen sehr wohl Vitalitätsmängel vor.
- Im Spektrum der Beurteilungsparameter ist die Belaubung derjenige mit der geringsten Aussagekraft, denn der Zustand des Assimilationsapparates kann sich rasch ändern, sowohl in positive wie auch in negative Richtung. Beobachtet man allerdings über Jahre, dass die Blätter zu klein sind und die Blattmenge zu gering ist, dann ist dies als Beleg für nachlassende Vitalität zu werten. Ebenso verhält es sich, wenn die Blätter alljährlich zu früh verblassen, nekrotisch werden und vorzeitig fallen.
Bedeutung von Alter und Vitalität für die Verkehrssicherheit
In der Natur und auf naturnahen Standorten lässt sich beliebig oft belegen, dass sich Vitalität und Alter nicht umfassend und nachhaltig auf die Verkehrssicherheit eines Baumes auswirken müssen, völlig abgesehen davon, dass dort geringere Ansprüche an die Verkehrssicherungspflicht bestehen. Diese Bäume sind in der Lage, das Spektrum der genotypischen Überlebenskonzepte und -strategien zu aktivieren und zu nutzen. Sie kompartimentieren effektiv. Innere und äußere Gestaltoptimierung funktionieren. Bei Bedarf produzieren sie - bei voller Belaubung - kleinere Blätter, um die Verdunstung zu reduzieren. Sie verkleinern ihren Körper, um sich biologische und biomechanische Entlastung zu verschaffen und statten sich gleichzeitig mit einem neuen, dynamischen Organ, der Sekundärkrone (Reïteration) aus. Aufgegebene Kronenteile stellen für Jahrzehnte eine gewisse Gefahr dar. Ein Versagen des gesamten Baumes ist jedoch in den seltensten Fällen zu beobachten.
Beim dauergestressten Baum auf schlechtem Standort ist dies völlig anders. Der innerörtliche Straßenbaum beispielsweise ist von Anbeginn abwehrschwach, er vergreist vorzeitig und hat eine vergleichsweise kurze Lebenserwartung. Gerät bei ihm ein Teil des ohnehin schwächelnden Systems in Unordnung, kommt es häufig sehr rasch zum Kollaps. Strategien wie beispielsweise Reïteration, Kompartimentierung und Gestaltoptimierung können nur eingeschränkt oder nicht realisiert werden - nachlassende Vitalität führt hier relativ rasch zur Beeinträchtigung der Verkehrssicherheit, was im Einzelfall zu überprüfen ist 6).
Bedeutung von Alter und Vitalität für die Wertermittlung
Bei der Wertermittlung von Bäumen nach der Methode Koch, dem Sachwertverfahren der Grundstückswertermittlung 7) steht immer die Funktion des Baumes für das betreffende Grundstück im Vordergrund. Die fünf Hauptschritte der Wertermittlung betreffen die Prüfung von:
1. Funktion, 2. Ausgangsgröße 8), 3. Herstellungszeit 4. Wertminderungen 9) und 5. Abgrenzung von Total-und Teilschaden 10).
Auch die Schritte 2. bis 5. unterliegen der Funktionsprüfung, das heißt, dass auch Alter und Vitalität entsprechend der Funktion des betreffenden Baumes für das Grundstück zu prüfen sind.
Ist beispielsweise der Wert eines alten und mächtigen Baumes, der als Naturdenkmal ausgewiesen ist, zu ermitteln, so verbietet sich in den meisten Fällen die Berechnung einer Alterswertminderung nach einer der üblichen Formeln. Das Alter als wesentliches Element der Funktionserfüllung - erst alte Bäume werden in der Regel als Naturdenkmal ausgewiesen - wirkt sich bei Naturdenkmalen werterhöhend aus.
Sie erfüllen ihre Funktion bis zum Abgang. Bei den vielen nicht fachgerecht behandelten und zu Torsos heruntergeschnittenen Baumveteranen wirkt sich nicht das Alter, sondern hauptsächlich die nicht fachgerechte Behandlung wertmindernd aus.
Es gibt weitere Beispiele, in denen das Alter nur einen geringen Einfluss auf die Wertberechnung hat. Dies ist vor allem bei der Wertermittlung (und Schadensberechnung) von alten und gepflegten Hecken zu beachten, wie sie vor allem in großen Park- und Gartenanlagen zu finden sind. Selbstverständlich sind Gehölzart, Standortbedingungen und Pflegezustand von ausschlaggebender Bedeutung. Das Alter allein wirkt sich jedoch nicht wertmindernd aus, wenn diese Hecken ihre Funktion in vollem Umfang erfüllen. Dies zeigt, dass das Sachwertverfahren für Gehölze eines besonderen Zuschnitts bedarf den Werner Koch so treffsicher an die Funktion der Gehölze geknüpft hat.
Die richtige Beurteilung der Funktion des Gehölzes führt stets auch zur zutreffenden Wertberechnung.
Solange alte Gehölze ihre volle Funktion erfüllen, fehlen die Voraussetzungen einer Alterswertminderung. Wenn das Sachwertverfahren für bauliche Anlagen zwingend eine Alterswertminderung - vor und gesondert von den Wertminderungen wegen technischer oder anderer Mängel - vorschreibt, so ist dies unter anderem darin begründet, dass Baustoffe aus totem Material bestehen, dessen Veränderungen berechenbar sind. In den Anhängen zu den WertR (Wertermittlungs-Richtlinien) werden seitenlang Daten über die technische Lebensdauer von baulichen Anlagen und Bauteilen aufgeführt.
Für Bäume kann es solche Daten nicht gehen. Bäume sind lebende Organismen, die sich artgemäß und individuell nach ihren Standort- und Wachstumsbedingungen ständig verändern. Ihr Alter ist kein vorrangiges wertbeeinflussendes Merkmal, sondern dies ist in erster Linie ihre Funktion, wie besonders das Beispiel der Naturdenkmale zeigt.
Die Funktionsprüfung kann andererseits eine überproportionale Bedeutung des Alters und der verbleibenden Vitalität ergeben, wenn es beispielsweise auf die Verkehrssicherheit des Baumes an einer stark befahrenen Straße ankommt. Da Bäume an verkehrsreichen Standorten in hohem Maße sicher sein müssen und dies mit zunehmendem Alter und nachlassender Vitalität nicht mehr gewährleistet ist, müssen sie früher entfernt werden, ist also ihre generelle Lebenserwartung geringer.
Bei der Festlegung einer Alterswertminderung im Rahmen der Baumwertermittlung ist Folgendes zu beachten:
- Es kommt nicht auf das Alter des Baumes an, das dieser grundsätzlich erreichen kann (Tabellen über das Lebensalter aus dem Forst u. a. sind nicht verwertbar!).
- Es kommt auch nicht auf das Alter an, das der betreffende Baum auf Grund seiner Vorschäden jetzt nur noch erreichen kann.
- Es kommt für die Berechnung der Alterswertminderung allein auf das Alter an, das die betreffende Baumart an dem betreffenden Standort generell erreichen kann.
Der Fachgutachten-Vordruck A zur Wertermittlung von Gehölzen nach der Methode Koch 5) wird in der Neuauflage unter Ziffer 2.8 jetzt den entsprechenden Vermerk "Lebenserwartung der betreffenden Baumart an dem betreffenden Standort" enthalten.
Ist beispielsweise der Wert eines alten und bereits wiederholt angefahrenen Straßenbaumes in einer schmalen Straße mit fahrbahn- und gebäudenahem Standort zu ermitteln und soll eine Alterswertminderung berechnet werden, so ist die Lebenserwartung nicht deshalb stark verkürzt anzunehmen, weil sich der Baum durch die Anfahrschäden und ungünstigen Standortbedingungen in einem schlechten Zustand befindet. Eine verkürzte Lebenserwartung ist allein aus der Tatsache zu ermitteln, dass alle Bäume der betreffenden Art nur eine begrenzte Lebenserwartung an diesem Standort haben. Dabei ist von der Lebenserwartung auszugehen, welche die betreffende Baumart unter den gegebenen ungünstigen Standort- und Wachstumsbedingungen maximal erreichen kann. Das wird ein entsprechend kürzerer Zeitraum sein als unter optimalen Bedingungen an einem günstigen Standort.
Die Lebenserwartung dieser ca. 60-jährigen Rosskastanie darf nicht an ihrem derzeitigen Zustand gemessen werden. Für eine bei der Wertermittlung in Abzug zu bringenden Alterswertminderung kann für eine Rosskastanie bei optimaler Entwicklung an diesem Standort zwischen Straße und befestigten Gehweg eine Lebenserwartung von etwa 90 Jahren zu Grunde gelegt werden. Diese Einschätzung kann bei mehren hinzugezogenen Sachverständigen unterschiedlich ausfallen.
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Literatur/Veröffentlichungen
- Roloff, A., 1993, Kronenentwicklung und Vitalitätsbeurteilung ausgewählter Baumarten der gemäßigten Breiten, i. D. Sauerländeros Verlag, Frankfurt am Main.
- Gleißner, P., 1998, Das Verzweigungsmuster ausgewählter Laubbaumarten und seine Veränderung durch nicht-pathogene Schädigungen. Teile 1 und 2, Palmarum Hortus Francofurtensis (PH F) 6: 3-132, Wissenschaftliche Berichte des Palmengarten Frankfurt am Main.
- Shigo, Alex L., 1990, Die Neue Baumbiologie, 1990, Fachbegriffe von A bis Z, Thalacker Verlag, Braunschweig.
- Fink, S., 1993, Möglichkeiten und Grenzen van Regenerationsprozessen bei, Bäumen, anlässlich des Leipziger Gehölzseminars, Institut für Forstbotanik und Baumphysiologie - Professor für Forstbotanik, Bertoldstraße 17, 79085 Freiburg im Breisgau.
- Wäldchen, Marko, 2000. Der Kronenverjüngungsschnitt, Baum-Zeitung, Nr.2/2000.
- Wäldchen, Marko/Breloer, Helge., 2000, Praxis der Baumbeurteilung, Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung, Teil 3, Die Probleme schiefer, hohler und pilzbefallener Straßenbäume, LA- Landschaftsarchitektur 3/2000.
- Koch, Werner, 1987, Aktualisierte Gehölzwerttabellen, Bäume und Sträucher als Grundstücksbestandteile an Straßen, in Parks und Gärten einschließlich Obstgehölze, VVW Karlsruhe 2. Auf., 1997,3. Auf. (Auszug) bearb. v. Breloer, und Breloer, Helge, 1995. Was ist mein Baum wert?, Band 1 der Reihe Bäume und Recht, Thalacker Verlag Braunschweig.
- Breloer, Helge. Praxis der Gehölzwertermittlung, Einheit van Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung Teil 6, Verkehrsauffassung in Fachkreisen über die Ausgangsgröße, Landschaftsarchitektur - LA - 6/1999.
- Breloer, Helge, Praxis der Gehölzwertermittlung, Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung Teil 8, Wertminderung und Funktionsverlust, Landschaftsarchitektur - LA -8/1999.
- Breloer. Helge/Wäldchen, Marko, 2000, Praxis der Baumbeurteilung, Einheit von Baumkontrolle und Gehölzwertermittlung. Teil 7. Abgrenzung von Total- und Teilschäden nach schwerwiegenden Beschädigungen, LA- Landschaftsarchitektur 7/2000.
- SVK-Verlag Erndtebrück, Fachgutachten -Vordrucke.
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